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Der Zwischenraum

Eigentlich sollte man dankbar sein, wenn ein Gegenüber sich bedankt. Für eine Perspektive, die man ihm gegeben hat, eine Verbindung, die lang gesuchte Klarheit gebracht hat. Aber ich bin nicht dankbar. Denn immer, wenn das passiert, werde ich daran erinnert, dass wir in der Zwischenzeit, dem Zwischenraum leben. Das ich will, dass endlich jemand die Vorspultaste drückt. Vorspultaste, auch so ein Wort, das zeigt, worin ich, trotz allem Gesehenen, gefangen bin.

Vorspultaste – trotz all der Screens, die ich drücke und schaue, kommt da noch das Bild des Casio Kassettenrecorders in den Kopf. So ist das, wenn man 1972 geboren ist. Das Jahr des Berichts zu den Grenzen des Wachstums. Wenige Tage bevor Apollo 17 das ikonische Blue Marble aufnahm, durfte mein individuelles Bewusstsein in die Welt treten.

„Mögest du in aufregenden Zeiten leben“, lautet ein chinesisches Sprichwort, manche sagen Fluch. Welches Sprichwort es wohl für Zeiten systemischer Transformation geben mag? Ich finde es gut, jetzt in diesem Moment und hier auf diesem Planeten zu sein. Als Mitglied einer Spezies, die zu Sünde und Verantwortung fähig ist. Die aus einer Laune der Evolution eine Neugierde besitzt, die sie aus eben dieser Evolution (scheinbar) heraustreten lässt. Diese ausgehende Epoche fühlt sich an wie eine Sechs in der Schule, die du für einen Test bekommst, den du dachtest, genial bestanden zu haben.

Vorspultasten gibt’s nicht für die Realität – auch wenn die Antworten auf die Frage, was Zeit genau ist und wie wir sie wahrnehmen, wahrscheinlich jenseits aller möglichen Tastenfunktionen liegt. Da sind wir jetzt, unendlich geil über alles, was wir herausgefunden und gebastelt haben – und trotzdem mittendrin zwischen zwei Momenten der Zufriedenheit.

Muss man es unbedingt Polykrise nennen? Wen außer uns selbst betrifft es denn wirklich. Auf lange Sicht egal. Nur halt nicht für uns. Warum also Krise, wenn es doch dann sowieso nur für uns ist. Was kaputt ist, ist kaputt. Wir müssen es niemandem recht machen, außer denen, die mit Bewusstsein nach uns kommen. Aber wenn die dann eben nicht kommen – dann doch nur für uns? Der Zwischenraum ist ein stinkiger Raum.

Ihn möglichst zügig zu durchqueren, sollte dann wenigstens allen recht sein. Churchill’s „Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter“ könnte der kleinste gemeinsame Nenner sein. Einige wollen aber unbedingt wieder in die alte Richtung und wieder andere unbedingt an Ort und Stelle feiern, bis der Teufel auch den Letzten geholt hat. Zwischenraum ist ein verwirrender Ort.

Verwirrung, wenn das richtige Puzzleteil nicht mehr zum bisherigen Puzzle passt. Verwirrung, wenn die alten Spielregeln das Spielfeld zersetzen und trotzdem keiner das Spiel abpfeifen will. Wenn alle weiter mehr Tore sehen wollen, obwohl Trainingslager und Regelkorrektur als nötig erkannt wurden. Der Zwischenraum scheint auch ein Raum des Erstarrens zu sein.

Auch wenn es keine Vorspultaste gibt, ist der Zwischenraum ein Vor- und Zurückspulen. Das Neue wird gestaltet, das Wichtige des Alten soll gut verpackt werden – und egal, was davon man macht, am Ende muss man sich zum Schlafen zurück in den Matsch des Zwischenraums legen – ohne zu wissen, an welchem Tag vom Morgen endlich der Umzugswagen kommt.

Eins muss man dem Zwischenraum lassen, trotz einiger Lethargie wird gewerkelt. Viele übernehmen kleine Aufgaben für die nötigen Schritte, andere bauen Brücken, laden ein zum Mitkommen, sprechen mit den Verzweifelten, den Erstarrten, den Widerwilligen. Zeigen die Linien, die Orte und Zeiten verbinden, erinnern daran, dass es Sinn im Unendlichen gibt, Momente, die sich aneinanderreihen statt zu vergehen. Im Zwischenraum hat jeder seine Aufgabe. Wenn es bloß nicht so verdammt Dazwischen wäre, würde es auch einfacher sein. 

Wobei, Spoiler, einfach ist es nie, nur weniger aufregend. Und auch das ist nur Vermutung. Wer sich’s aussuchen kann, kommt nicht während der Zwischenzeit. Die hat nämlich – wie der Zwischenraum – einen scheinbar schlierigen Horizont. Den man meist auch nur im Augenwinkel sieht, weil die vielen Wirbel der Zwischen-Realität Kopf und Herz verdrehen. Was bin ich froh, wenn wir dann endlich mal hier durch sind – lang, nachdem ich mein Œuvre im matschigen Zwischenraum gegeben habe.

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